Bildungsprogramme wie dieses sind dringend notwendig, um die Transformation zu beschleunigen und zu realisieren

Im Gespräch mit Patrick Bungard, Mitglied des Projektbeirats

Lieber Herr Bungard, als Mitglied des Fachbeirats beraten Sie die Entwicklung des neuen Trainingsprogramms „Nachhaltig Erfolgreich Führen“ der DIHK-Bildungs-GmbH. Was hat Sie dazu bewogen?

Ich freue mich sehr, dass ich in diesem sehr spannenden Kreis von Fachexperten mitwirken darf und meine Perspektive einbringen kann. Wie auch viele der anderen Experten bin ich seit vielen Jahren dem Thema Nachhaltigkeit verbunden und dabei in enger Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Akteuren: Von Studenten, Führungskräften und Geschäftsführern, Sozialunternehmern oder Nachhaltigkeitsmanagern habe ich viele Perspektiven auf das Themenfeld der unternehmerischen Nachhaltigkeit kennengelernt. Mich reizt es, diese Erfahrungen aus dem Austausch und der Zusammenarbeit mit den vielen unterschiedlichen und inspirierenden Menschen in die Konzeption des Programms einzubringen.

Warum ist Nachhaltigkeit immer noch so ungehört, dass eine der Spitzenorganisationen der deutschen Wirtschaft jetzt ein umfassendes Weiterbildungsprogramm aufsetzt?

Ob es immer noch ungehört ist, weiß ich nicht. In jedem Fall war es das eine lange Zeit. Aber in der jüngeren Vergangenheit ist recht viel in Gang gekommen. Es gibt da zwei grundsätzliche Treiber, die dem Thema Nachhaltigkeit im Wirtschaftskontext viel Schub geben. Das ist zum einen die moralische Seite, also die gesellschaftliche Wahrnehmung, dass es immer dringender wird, die globalen Krisen in den Griff zu bekommen. Also hält diese Einsicht auch kontinuierlich Einzug in die Managementetagen. Der zweite wesentliche Treiber ist das stark zunehmende betriebswirtschaftliche Bewusstsein: Unternehmen, die den Ruf nach mehr Nachhaltigkeit ausblenden, werden unternehmerisch vermehrt Chancen verpassen und im Nachteil sein. Und ich glaube, dass viele Unternehmen im Mittelstand immer mehr verstehen, dass sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen wirklich völlig verändern.

Was meinen Sie da konkret?

Lange Zeit wurden Nachhaltigkeit und unternehmerischer Erfolg als zwei unvereinbare Gegenpole verstanden. Nun scheint dieses Gegensatzdenken immer mehr überwunden zu werden. Angefangen bei den Kunden, die nach nachhaltigen Produkten Ausschau halten, Mitarbeitern, die nach Purpose im Job suchen, Investoren, die schauen, ob das Unternehmen etwa negative Umwelteinflüsse hat und damit ein größeres Risiko darstellt, all das verstärkt den Druck, Nachhaltigkeit als betriebswirtschaftliche Größe anzugehen. Eine wichtige Rolle spielen natürlich auch die zunehmenden gesellschaftlichen Bewegungen wie beispielsweise die Fridays4Future. Mehr denn je ist die Gesellschaft mit ihrer kritischen Haltung und den Möglichkeiten der sozialen Medien in der Lage, Unternehmen die Akzeptanz zu entziehen. Die ersten Beispiele treten bereits in Erscheinung, positiv, weil bestimmte Unternehmen das Thema Nachhaltigkeit ganzheitlich verfolgen, und eben auch negativ, wenn Unternehmen extreme Schwierigkeiten haben zu bestehen, weil sie altmodisch rein auf Gewinnmaximierung fokussiert sind und Nachhaltigkeitsthemen noch nicht auf ihren Businessagenden haben. Wir haben einen großen Weiterbildungsbedarf in den Unternehmen, sich auf die neuen Rahmenbedingungen unserer Zeit einzustellen und die nötigen Umsetzungskompetenzen aufzubauen.

Warum ist das nach so vielen Jahren der Nachhaltigkeitsbewegung immer noch so? Das Wissen wird von Experten wie Ihnen seit Langem geteilt. Worin liegt das Beharrungsmoment in der Wirtschaft?

Das ist eine gute Frage, mit der man sich sicherlich sehr lange und ausführlich beschäftigen sollte. Grundsätzlich ist es bei umfangreichen Veränderungssituationen aber sicher ein relativ normaler Vorgang. Ein Strukturwandel, wie er in der Nachhaltigkeit eingeschrieben ist, passiert nicht von heute auf morgen. Das trifft besonders die vielen Großkonzerne, die sich immer wieder auf alteingesessene Abläufe verlassen. Eine nachhaltige Transformation in einem Unternehmen einzuleiten, beginnt im Kopf – das muss ins ganze Unternehmen und ist eine Führungsaufgabe. Es geht nicht um „Wir machen da mal ein kleines Nachhaltigkeitsprojekt“. Nachhaltiges Wirtschaften ist allumfassend und gehört in die DNA von Unternehmen. Nur so kann es zu dem Zusammenspiel von gesellschaftlicher Wirkung und unternehmerischem Erfolg kommen.

Deshalb braucht es so viel Zeit?

Ja, ich denke schon. Aber klar ist, die Zeit ist mehr als knapp. Es muss dringend ein umfangreiches Umdenken und „Umhandeln“ geben. Sonst droht der Klimacrash und auch der wirtschaftliche Zusammenbruch. Darum sind solche Bildungsprogramme, wie die DIHK-Bildungs-GmbH sie jetzt aufzieht, dringend notwendig, um die Transformation zu begleiten und zu beschleunigen.

Wie geht nach Ihrem Verständnis das richtige „Verankern“ von Nachhaltigkeit in Unternehmen?

Verankern bedeutet aus meiner Sicht, dass Nachhaltigkeit nicht an Einzelnen hängt, sondern bei allen ansetzt. Die komplette Belegschaft muss abgeholt werden, denn man braucht eine Grundakzeptanz im Unternehmen. Aktuell ist das häufig noch nicht so. Noch immer werden in vielen Unternehmen punktuell ein paar Nachhaltigkeitsprojekte ausgerollt, die das Kerngeschäft nur bedingt tangieren. Wenn man aber Nachhaltigkeit aus der Organisation heraus entwickelt und die Mitarbeiter schon bei der Grundidee abholt, dann lässt sich im Umkehrschluss auch vieles einfacher umsetzen.

Das Management-Training der DIHK-Bildungs-GmbH setzt darauf, dass neben den Topentscheidern auch die Bereichsverantwortlichen gezielt weitergebildet werden. Das weicht ab von der bisherigen Idee eines Nachhaltigkeitsverantwortlichen im Unternehmen.

Man muss verstehen, dass die Nachhaltigkeitsaspekte in den jeweiligen Abteilungen sehr unterschiedlich sind. Der Einkauf kann mit ganz anderen Themen zu tun haben als der Verkauf, und letztlich hängen beide wieder eng miteinander zusammen. Auch Personalabteilung und Controlling haben ganz unterschiedliche Schnittstellen zum Thema Nachhaltigkeit. Für ein gemeinsames, firmenübergreifendes Nachhaltigkeitsverständnis muss man diese verantwortlichen Leute abholen und eventuelle Fehlwahrnehmungen ausmerzen. Viele Führungskräfte verbinden Nachhaltigkeit noch immer mit Philanthropie und Selbstlosigkeit. Sie verstehen Nachhaltigkeit als Add-on und reinen Kostenfaktor. Nicht als Investition. Es muss klar werden, dass Nachhaltigkeitsthemen mit umfangreichen betriebswirtschaftlichen Potenzialen in allen Unternehmensbereichen einhergehen.

Wie kann das gehen?

In der Umsetzung bedeutet es, dass die Chancen der Nachhaltigkeit abteilungsübergreifend erarbeitet werden müssen. Es muss geklärt werden, wie man Fortschritt evaluieren und Wirkung messen kann, was die wesentlichen Kennzahlen sind, die in die Steuerungssysteme hineinwirken. Dabei ist es meiner Meinung nach wichtig, integrativ zu denken. Auch das ist ein Bildungsthema für Unternehmen: Es geht nicht um Nachhaltigkeitskurse oder Nachhaltigkeitsprogramme, die ein hübsches Add-on liefern, sondern um nachhaltige Führung. Führung, die zentrale Themen unserer Zeit adressiert. Ich bin uneingeschränkt davon überzeugt, dass viele Unternehmen Potenziale in der eigenen Organisation haben, um wichtige Impulse für eine nachhaltige Transformation der Wirtschaft zu leisten. Potenziale, um als Unternehmen zu einer nachhaltigen Entwicklung beizutragen, anstatt sie zu bremsen. Potenziale, um vom Teil des Problems zum Teil der Lösung zu werden. Diese Potenziale zu wecken, ist eine zentrale Führungsaufgabe und eine Riesenchance. Den Hebel an dieser Stelle, dem Thema Führung, anzusetzen, so wie die DIHK-Bildungs-GmbH es tut, halte ich für genau richtig.

Wo sehen Sie den konkreten Nutzen des Trainings für ein mittelständisches Unternehmen?

Einen großen Nutzen sehe ich in der Selbstreflexion – Teilnehmer haben im Rahmen der vielen Module die Chance, das eigene Geschäftsmodell im Austausch mit sehr erfahrenen Experten zu reflektieren und kritisch zu hinterfragen. Dabei wird ein Verständnis entwickelt, wie die Veränderungen, die im Zusammenhang mit Nachhaltigkeit stehen, das eigene Unternehmen betreffen und welche Veränderungsbedarfe und Chancen sich ableiten lassen. Zum anderen können die Teilnehmer für die Transformation notwendige Umsetzungskompetenzen erlernen.

Auf der gesamtwirtschaftlichen Ebene hat das Programm, das über die IHKs bundesweit ausgerollt wird, aus meiner Sicht das Potenzial, einen signifikanten Beitrag zu leisten, den Mittelstand in Deutschland weiter fit für die Zukunft zu machen. Wenn der deutsche Mittelstand, der international gut angesehen ist, zeigt, dass eine nachhaltige Transformation gelingen kann, wird Nachhaltigkeit „made in Germany“ zum Exportschlager. Hier kann das Programm mithelfen.

Welche Antworten bietet das Programm auf die klassischen Killerphrasen „Wir haben dafür kein Geld, keine Leute, keine Zeit“?

Die wichtigste ist doch, dass Nachhaltigkeit die unternehmerische Tätigkeit nicht ausbremst, sondern voranbringt. Nachhaltigkeit kann nicht nur als Kostenstelle betrachtet werden, sondern vor allem als Investition. Die Zeit, sich mit Nachhaltigkeit zu beschäftigen, könnte nicht besser sein als aktuell. Die Krise befeuert die Einsicht, dass das zwanghafte, rein auf Effizienz- und Profitmaximierung ausgerichtete Wirtschaftsverständnis vieler Konzerne in vielerlei Hinsicht längst an seine, im wahrsten Sinne des Wortes, natürlichen Grenzen gestoßen ist – an die sozialen und die ökologischen. In Zeiten des Klimawandels und des rasant voranschreitenden Artensterbens zeigte sich schon vor der Krise die Notwendigkeit erheblicher struktureller Veränderungen, die sowohl die Politik als auch viele Unternehmen bisher völlig unterschätzt haben. Sich des Themas anzunehmen ist betriebswirtschaftlich enorm wichtig. Gesellschaftlich sowieso.

Ist Nachhaltigkeit in dem Sinne heute überlebensnotwendig für Unternehmen?

„Überlebensnotwendig“ halte ich in diesem Zusammenhang für ein passendes Wort, ja. Es ist betriebswirtschaftlich und gesellschaftlich überlebensnotwendig.

Brauchen wir für diese Einsicht nicht ein völlig neues Mindset in der Wirtschaft?

Ob völlig neu, kann ich nicht beurteilen. Unser gemeinsames Thema ist aber eine Frage des Mindsets. Ob Nachhaltigkeit und Profitmaximierung dort im Widerspruch stehen oder einander bedingen, ist durchaus ein gravierender Unterschied. In vielen Unternehmen sehen wir immer mehr die Überzeugung, dass eine erfolgreiche Transformation nur im kulturellen Kontext gelingen kann und dass es eine Führungsaufgabe ist, dieses Gegensatzdenken aufzulösen. Mit einem Umdenken an dieser Stelle ist aus meiner Sicht schon extrem viel gewonnen.

Lernen die Teilnehmer des Trainingsprogramms auch dieses neue Mindset?

Man kann den Teilnehmern ja leider schlecht sagen: „Das ist das Mindset, bitte habt das jetzt auch!“ Aber wir können dazu beitragen, dass viele einflussreiche Unternehmensvertreter ihr Mindset von sich aus verändern: in eine Richtung, die zu mehr nachhaltigen Entscheidungen in den Führungsetagen führt.

Je größer eine Organisation, umso schwieriger ist es, einfach anzufangen. Wie stehen Sie zu dem Heldenbild als Narrativ, wenn es um den nötigen Mut zur Veränderung geht?

Ich sehe das genauso: Für die gesellschaftliche Veränderung brauchen wir Helden in allen Sektoren. Jeder Einzelne kann an seinem Arbeitsplatz ein Held, eine Heldin sein und sich für die nachhaltige Transformation einsetzen.

Wie unterstützt das IHK-Management-Training die Klärung solch persönlicher Fragen?

Das Training richtet sich auch an Unternehmen, die noch eine lange Reise vor sich haben. Deshalb ist es wichtig, dass die Teilnehmer voneinander lernen können, ihre Erfahrungen teilen und den Entschluss fassen, in ihrem Arbeitsfeld auf Nachhaltigkeit umzustellen. So kann Nachhaltigkeit zum neuen Normal werden und die Mitarbeitenden finden wieder mehr Sinn als Experten an ihrem Arbeitsplatz. In meinen Augen sollte der Anspruch der Teilnehmer der ernsthaft gezeigte Wille sein: „Wir wollen die Transformation anstoßen und erfolgreich gestalten!“

Wofür wirken Sie persönlich in diesem Programm?

Ich freue mich, wenn es uns gelingt, dass dieses sehr bedrohliche und existenzielle Thema der Nachhaltigkeit in ein positives Licht gerückt wird. Wir müssen klarmachen: „Wir haben die Chance, das Ruder noch herumzureißen. Unternehmen können da ein ganz wichtiger Teil der Lösung werden. Und du als Teilnehmer kannst das als Individuum auch! Wenn du es schaffst, es in eure Organisation zu bringen.“ Gerade im Mittelstand kann die Transformation viel bewegen. Mich interessiert, einen Beitrag zum dringend notwendigen Brückenbau Bau einer Brücke zwischen einer nachhaltigen Entwicklung und unternehmerischem Erfolg zu leisten.

Patrick Bungard ist Gründer und Geschäftsführer der M3TRIX GmbH in Köln. Er und sein Team begleiten Organisationen bei der nachhaltigen Unternehmenstransformation. Bungard lehrt als Dozent an unterschiedlichen Business Schools und Universitäten. Er ist zudem Gründungsdirektor des Center for Advanced Sustainable Management (CASM) der CBS Business School.